Der Zauber der unscharfen Fotos

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Das ist kein aktuelles Foto aus einem meiner letzten Shootings. Ich glaube, ich habe es vor ca. drei Jahren bei einem Neugeborenenshooting zu Hause bei einer Familie gemacht. Der Fokus sitzt nicht, das Gesicht ist verschwommen, aber trotzdem liebe ich es. Oder vielleicht gerade deswegen. Das ist mein "all-time-favorite". Warum? Es ist so authentisch. Es stellt so viel Gefühl dar. So viel Wahrheit.

Die Unschärfe symbolisiert für mich das Leben, das sich in ständiger Bewegung befindet. Im Leben einer Familie passiert so viel. Die Geburt eines Kindes stellt alles auf den Kopf. So viele Gefühle, die durch einen durchgehen. Glück, Angst, Unsicherheit, Euphorie, Sorgen, die du dir ab diesem Moment ununterbrochen machst...

Wenn ich an Kinder denke, denke ich an Bewegung. Sie bewegen sich ständig. Sie spielen, hüpfen, rennen, toben, sind neugierig, klettern, lachen, weinen, schreien, erkunden die Welt. Sie fallen um und werden schmutzig. Sie wachsen unheimlich schnell, bewältigen die Meilensteine in Lichtgeschwindigkeit. Ihr Aussehen verändert sich. 

Am liebsten möchtest du die Zeit anhalten. Du willst sagen: "Stopp! Moment! Gerade habe ich dich in den Armen gehalten und du hast aus meiner Brust getrunken und jetzt übernachtest du lieber bei Freunden, es ist dir peinlich, wenn ich dich von der Schule abhole oder mit meiner Hand über deinen Kopf streichle."

Die Zeit aber rennt. Was du tun kannst, ist den Augenblick, das Jetzt, die Erinnerungen in Fotos festzuhalten. Es ist dabei egal, ob sie scharf sind oder nicht. Denn wenn du wartest, bis das Baby eingeschlafen ist, um es "perfekt" abzulichten oder bis das Kind groß genug ist, um still zu sitzen und in die Kamera zu schauen oder bis du dein Kind in das beste Licht gesetzt hast oder bis du alle Funktionen der Kamera beherrscht hast, so dass du super scharfe Fotos machen kannst, kann es sein, dass es zu spät ist, dass die Kinder keine Babys mehr und längst ausgezogen sind.